Pressemitteilungen

Bauernstimme Mai 2018

Pressemitteilung Pukka

FuckUp-nights 2017 mit Malte Reupert

Konzerne oder Kleinbauern – wie sieht das Bio der Zukunft aus? 2017

ohne Zweifel hat die Biobewegung eine große Erfolgsgeschichte geschrieben. Sie ist vom belächelten und bekämpften Außenseiter zum Leitbild für gute Lebensmittel geworden. Seit wenigen Jahren ist das Bemühen

der konventionellen Lebensmittel-Handelskonzerne groß, sich als „Ihr Bioladen“ darzustellen. Auf deren Werbeblättern und Websites bekommt man den Eindruck, diese hätten „Bio erfunden“ und noch nie etwas

anderes gemacht. Der oberflächliche Blick übersieht, dass diese Unternehmen zwischen 95 und 98 Prozent ihrer

Umsätze mit Produkten aus konventioneller Landwirtschaft generieren. Und dass sie damit immer noch Grundwasser, Böden und Klima belasten und uns Rückstände von Antibiotika und Pestiziden und hunderten Millionen an Nutztieren erbärmliche Lebensbedingungen zumuten.

Heute werden 70 Prozent der Biolebensmittel über die milliardenschweren Handelskonzerne abgesetzt und das hat selbstverständlich Rückwirkungen auf die Biolandwirte, auf die Verarbeiter und die 100-Prozent-Bio-Händler,

den sogenannten Bio-Fachhandel, zu dem auch Biomare zählt. Der plötzliche Bio-Boom hat viele Unternehmen auf den Bio-Zug aufspringen lassen. Es ist kein Geheimnis, dass „Bio“ heute für viele Akteure am Markt weniger eine Überzeugungssache, sondern vielmehr eine lukrative Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. So kann es nicht verwundern, dass der nachgewiesene Bio-Betrug in den letzten 15 Jahren rapide zugenommen hat.

Und wenn man Bio-Urgesteinen glaubt, die

seit Jahrzehnten im Europäischen Markt für

Bio-Rohwaren und im Import von Obst und

Gemüse arbeiten, so tauchen immer wieder

mal plötzlich größere Mengen zertifizierter

Bioware auf, die es eigentlich in dieser Masse

nicht geben dürfte.

All das ist nicht nur ein Phänomen anonymer

Großstrukturen – auch Biomare hat schon zwei

kleinen regionalen Anbietern die Tür weisen

müssen, weil sie Biolebensmittel verkauft

haben, die gar keine waren. Insgesamt wird die

Garantie von zuverlässiger Bioqualität zunehmend

schwieriger. Es kommt immer mehr auf

langjährige und transparente Lieferbeziehungen,

aber auch auf Erfahrung und die eigene

fachliche Expertise an.

Die konventionelle Lebensmittelindustrie

und „Bio“

Zu den Biobauern der Vergangenheit haben sich

landwirtschaftliche Großbetriebe, teilweise

sogar mit kritikwürdiger Massentierhaltung,

gesellt. Die kleinen, bestenfalls mittelständisch

arbeitenden Bio-Lebensmittelhersteller

haben Wettbewerb von der konventionellen

Lebensmittelindustrie bekommen, die nun ab

und zu auch Bio produziert und neue Bio-Marken

in die Bioläden

bringt (Beispiele waren in

der Vergangenheit Provamel, Landkrone und

Vivani) oder auch gleich Bio-Herstellerfirmen

kauft (Allos gehört heute zur Wesanen-Group,

Söbbeke zu Savencia SA. und Provamel zum

Danone-Konzern).

Spätestens mit dem massiven Einstieg der

Handelskonzerne sind auch deren Methoden

im Bio-Bereich angekommen. Liefermengen

müssen plötzlich gegen Vertragsstrafe garantiert

werden, Preise werden vorgegeben, es

wird mit Auslistung gedroht, Listungsgebühren

und umsatzabhängige Jahresrückvergütungen

werden verlangt. Dem können Biobauern und

kleinere Hersteller nur standhalten, wenn sie

mehr Menge und billiger produzieren.

Und spätestens ab diesem Punkt der Entwicklung

geht diese mit einer dauerhaften

Reduzierung der Produkt- und Lebensqualität

einher. Wir sehen das besonders bei Marken,

die auch im konventionellen Handel vertreten

sind. Rezeptur-Optimierungen bedeuten oft

kostengünstigere Rohstoffe und Herstellungsprozesse.

Kräuter und ätherische Öle werden

durch sogenannte „natürliche Aromen“ (siehe

Steckbrief „natürliche Aromen“) ersetzt, Pulver

aus überdüngtem Spinat anstelle von Nitritpökelsalz

eingesetzt.

Markennamen werden „übernommen“: BioBio

z. B. heißt seit fast 40 Jahren der beste Bioladen

Bayreuths – und Biomare bekam eines Tages

Post von einer Anwaltskanzlei, die uns im Auftrag

eines westdeutschen Unternehmens den

Namen Biomare abnehmen wollte.

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass einige

der Bio-Urgesteine einen Weg eingeschlagen

haben, der sehr an die Vorbilder der konventionellen

Wirtschaft erinnert. Nämlich dann,

wenn es in erster Linie darum geht, der Größte

zu sein, Marktmacht anzuhäufen und damit

den Unternehmenswert zu maximieren.

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit

von Bio?

Wir glauben, dass eine Reihe der aktuellen Praktiken

in der Biobranche nicht nur die Qualität

der Lebensmittel und die Lebensqualität der an

der Herstellungskette Beteiligten verschlechtert,

sondern auch der Glaubwürdigkeit der

Bio-Branche schadet: Wenn z. B. Bio-Unternehmer

ihre Produkte im Auftrag von konventionellen

Großunternehmen herstellen und

verpacken lassen, wenn Bio-Unternehmer ihre

Marken in Handelsunternehmen platzieren, für

die Bio einfach nur eine zusätzliche Möglichkeit

ist, Umsatz und Kunden zu gewinnen. Oder

wenn Biobauern sich auf die Bedürfnisse des

konventionellen Handels nach Masse und billigem

Preis ausrichten.

Sehr viele Kollegen aus dem Fachhandel haben

hier in den letzten 15 Jahren viel zu unkritisch

einfach Waren und Marken ins Regal gestellt,

die der Großhandel oder der Außendienst ihnen

vorgesetzt hat.

Gaumenfreuden bei Weinen international.

© Biomare

Die Bäckerei im Biomare in der Simildenstraße.

© Biomare

BIO-REGIONALMESSE 2017

Der Fachhandel hat sich in der Vergangenheit viel

zu oft darauf beschränkt, die steigende Nachfrage

nach Biolebensmitteln zu managen und seine

Abläufe professioneller zu gestalten. Die Jahre

seit der BSE-Krise waren sehr bequem für uns: Wir

waren – gemeinsam mit den direkt vermarktenden

Biobauern – die einzige Quelle für verlässliches

Bio mit einem ernst zu nehmenden Sortiment.

Wir hatten sehr kritische Fragen an die Lebensmittelindustrie

und hatten im Wesentlichen die

richtigen Antworten in unseren Läden. Wir hatten

gesellschaftliche Relevanz und waren die Vorreiter

für eine bessere, eine nachhaltigere Wirtschaft.

Heute sind wir zu weitgehend unpolitischen

Händlern geworden. Und unversehens haben die

großen Handelskonzerne aufgeholt: Sie bieten

breite Bio-Sortimente und teilweise

dieselben oder ähnliche

Produkte an. Viele Verbraucher

glauben zudem, dass es im

Supermarkt billiger ist als im

Bioladen. Die potenteren Werbekassen

haben die milliardenschweren

Riesen ohnehin. Das

erste Mal in seiner Geschichte

verliert der Biofachhandel

unterm Strich Kunden.

Die Bioläden und Biosupermärkte

werden irgendwann überflüssig sein,

wenn sie sich nicht selbst in wesentlichen Teilen

neu erfinden und intensiv den Aufgaben stellen,

die sie wieder in eine gesellschaftliche Vorreiterrolle

bringen. Ein Verschwinden der Bioladen-Kultur

in Deutschland hätte weitreichende Folgen:

Der Vertrieb von Lebensmitteln ist fest in der Hand

von vier Handelskonzernen (und zusätzlich von

drei Drogerieketten, wenn es um Bio geht). Diese

brauchen sehr große Mengen eines Produktes,

welche wiederum nur von großen Unternehmen

in der Lebensmittelindustrie garantiert werden

können.

Dieser wirtschaftliche Druck setzt sich in der

Landwirtschaft fort, denn große industrielle

Mengen brauchen große und einheitliche

Rohstoffpartien. Der Bio-Fachhandel und seine

Lieferanten sind also auch die einzige existente

Alternative zu den industriellen Strukturen in

der Lebensmittelerzeugung. Umgekehrt sind

kleine Biobauernhöfe und kleine Lebensmittelverarbeiter

von den begrenzten Möglichkeiten,

die ihnen die Direktvermarktung und der Biofachhandel

bieten, existenziell abhängig.

Was ist eigentlich „groß“ im

Bio-Handel?

Damit die kleinen Biohöfe bis hin zu den Biosupermärkten

eine Zukunft haben, müssen diese

verstärkt eine echte Alternative zu den konventionellen

Strukturen darstellen. An dieser Stelle muss

einmal mit einem verbreiteten Vorurteil aufgeräumt

werden: Der Kleinste der vier Lebensmittelhandelskonzerne

ist etwa 170 Mal größer als die

größte konzernunabhängige Biosupermarktkette

„Basic AG München“ mit 35 Biosupermärkten und

einem Jahresumsatz von ca. 150 Millionen Euro.

Die Ketten AlnaturA und Denn’s sind etwas

größer, jedoch Teil der jeweiligen Gruppe mit

Schwerpunkt in weiteren Geschäftszweigen.

Der manchmal aufgemachte Gegensatz zwischen

Bioladen und Biosupermarkt ist also

keiner zwischen Klein und Groß, sondern zwischen

unterschiedlichen Geschäftsmodellen die

unterschiedliche Kundengruppen bedienen.

Im Folgenden sollen die Aufgaben skizziert

werden, vor denen Bioläden gemeinsam mit

den kleineren Biolebensmittelherstellern und

denjenigen Biobauern stehen, die einen höheren

Anspruch als die aktuellen

Mindeststandards haben.

Wie könnte die Zukunft

von Bio aussehen?

Wir sollten politischer werden

und kontroverse Themen wie

Glyphosat, massenhafter Antibiotikaeinsatz,

aktiver Naturschutz

und Tierwohl mutiger

angehen. Wir sollten unsere

Werte als Bio- und Nachhaltigkeitsunternehmen

klar ausformulieren und die

Sortimente und Produktionsmethoden mutiger

danach ausrichten. Wir sollten offen sein für

alternative Ansätze des Wirtschaftens – auch

wenn bisher noch alle diese Ansätze aufgrund

von konstruktiven ökonomischen Irrtümern

wieder verschwunden sind.

Wir sollten dringend ein gemeinsames Regelwerk

für ein höheres Bio-Niveau und eine authentischere

Biolandwirtschaft erarbeiten, welches

sich an der tatsächlichen Nachhaltigkeitsleistung

einschließlich Klima-Fußabdruck ausrichtet.

Wir sollten aktiv die teilweise von uns selbst

geschürte Bio-Illusion vom idyllischen Heile-

Welt-Biohof durch ein realistisches Bild von

nachhaltiger (Land-)Wirtschaft ersetzen.

Wir brauchen objektive Kriterien für nachhaltige

Landwirtschaft und ein nachhaltiges Unternehmen.

Damit werden wir weniger anfällig für

gut gemeinte, aber substanzlose Kritik aus der

Gesellschaft und können eigene Trugschlüsse

korrigieren. Vor allem aber gewinnen wir einen

Kompass für die eigene Weiterentwicklung. Zu

guter Letzt wird unser Selbstverständnis, die

bessere Landwirtschaft und die nachhaltigere Art

von Wirtschaft zu repräsentieren, objektiv nachprüfbar.

Hierfür brauchen wir ähnlich der jetzigen

Ökokontrolle ein unabhängiges Prüf-Verfahren für

Landwirtschaft, Produktion und Handel.

Wir sollten den Mut aufbringen, unsere Kunden

in die Verbesserung unserer Unzulänglichkeiten

einzubinden.

Bioläden

müssen sich

immer wieder

neu erfinden.

Seite 5

BIO-REGIONALMESSE 2017

Frisches Obst in einem der drei Leipziger Biomare-Läden.

© Biomare

Wir Bio-Unternehmer brauchen verbindliche

Zusammenarbeit und einen Denk-Horizont, der

deutlich weitergeht als bis zur eigenen Ladentür.

Dafür müssen wir das gegenseitige Misstrauen

und die wettbewerblichen Eifersüchteleien

überwinden und verstehen, dass wir als sehr

kleine Unternehmen nicht in der Lage sind,

anspruchsvolle Probleme allein zu lösen. Aufgaben

wie ökologisch optimierte Verpackungen,

die Organisation einer effizienten regionalen

Bio-Logistik oder die gezielte Entwicklung der

regionalen Biowirtschaft können nur gemeinsam

gestemmt werden.

Die Zukunftsthemen sind – anders als mit der

Ausgangsfrage suggeriert – nicht der Gegensatz

zwischen Groß und Klein, nicht Industrie gegen

Handwerk, und auch nicht Handelskonzern gegen

Tante-Emma-Laden. Größe bringt uns fast immer

auch einen Zugewinn an Produktivität, was uns

wiederum die Freiräume für unsere Lebensqualität

schafft. Problematisch wird Größe erst dann,

wenn dadurch der Wettbewerb eingeschränkt

ist und alternative Modelle trotz vorhandener

Nachfrage kaum mehr Chancen bekommen.

Niemand kann ernsthaft von sich behaupten,

zu wissen, wie die optimale Zukunft aussieht.

Deshalb ist Entwicklung immer ein Prozess von

„trial and error“. Die Zukunft braucht nicht fertige

Modelle, sondern Entwicklungsräume, also

Freiräume für unterschiedliche Ideen. Unsere

entscheidende Aufgabe ist es, diese Entwicklungsräume

zu schaffen. Gleichgültig ob wir uns

in der Rolle als Unternehmen, als Konsumenten

oder als Gestalter des politischen Rahmens

bewegen – wir müssen uns persönlich einbringen

für die Herstellung von maximaler Transparenz,

die Akzeptanz anderer Denk- und Arbeitsansätze

und den Mut, neue Ansätze auszuprobieren.

Wir müssen begreifen, dass Konkurrenz eine positive

und die entscheidende Kraft für Entwicklung

ist. Wir brauchen aber auch die Größe, uns gegen

den persönlichen oder unternehmerischen Vorteil

zu entscheiden, wenn wir wissen, dass dieser der

Gesamtentwicklung oder dem Nebeneinander

verschiedener Ansätze schadet.

Wir müssen uns zusammenschließen, wenn

bestimmte Ziele nur mit mehr Gewicht erreichbar

sind. Und für den Diskurs müssen wir alle die folgende

einfache, aber zentrale Wahrheit verinnerlichen:

Es ist möglich, dass mein Gegenüber Recht

hat und ich selbst Unrecht.

Text: Malte Reupert